Ouch! Böser Wicht!

 

Avantgarde

 

   Respekt! Hut ab! Hört, hört!

   RTL 2 hat sich ein paar große Schuhe angezogen: im Alleingang will man den Bildungsauftrag übernehmen, den ARD und ZDF so schmählich vernachlässigen. In geheimen programmatischen Nachtsitzungen der werbefinanzierten Version des Politbüros hat man sich darauf eingeschworen, künftig solo die Herkulesaufgabe zu stemmen, die früher nur Heerscharen von Bohemiens, Jugendzeitschriftredakteuren, Singer-/Songwriter, Politaktivisten und Satanistenprediger gemeinsam zu bewältigen hoffen konnten. Die Speerspitze jeglichen Trends, Vordenker des Zeitgeistes, Avantgarde der Nation, das ist das Ziel ehrgeiziger Businesspläne des ehemaligen Schmuddelkinds in der deutschen Fernsehlandschaft.

   Natürlich wird einem der Trendsettersender dies so nie sagen. Nein, da ist man bescheiden. Auch ist bisher kein Strategiepapier öffentlich geworden, das uns dieses hehre Ansinnen offenbart.

 

   Aber werden die feinfühligen Sinnesorganen der Mediengeneration gepaart mit Überresten einer Schulbildung jenseits der mittleren Reife, kommen also diese beiden für RTL2-Programmmacher aus der eigenen Erfahrung völlig unvereinbar scheinenden Qualifikationen in einer Person zusammen, so hat diese die Möglichkeit das Vorhaben zu durchschauen. Der Einfachheit halber übernehme ich diese Rolle mal für Sie.

 

   Ein erster Hinweis findet sich in der subtilen, aber schon fast exzessiv eingesetzten Tele-Suggestion „Ich glaub ich bin im Trend“. Zu Beginn und zum Ende jeder Werbepause gebetsmühlenhaft dem Zuschauer vor Augen und zu Ohr geführt, macht sie uns schon bald wirklich glauben, die Fernbedienung  könnte uns mit einem Schlag all die Hip-Ness herbeizaubern, die uns schon immer fehlt. Instant-Karma. Der Coolness-Ritterschlag. Beam me up to Designerland! Hier wird eindeutig Hegel bemüht, der schon wusste: „Wenn die Vorstellung stark genug ist, hält die Realität nicht stand.“

   Damit diese Suggestion nun nicht dereinst mangels Substanz in sich zusammenfällt, braucht es Inhalte – content. Folglich sind die Trendscouts vom Avantgardesender immer auf der Suche nach Events die man besetzen kann.  Was liegt da näher als die beiden großen Szeneaufmärsche der Nation, die zwei Parallelwelten teutonischer Feierkultur als erstes einzunehmen: Loveparade und Oktoberfest. Was früher der arte-Themenabend war, das ist nun die Ganztagesberichterstattung von den Großveranstaltungen, die LoveWeek oder die WiesnWochen. Der Live-Coverage von nackter Haut und vollen Krügen hat man sich verschrieben, ein CNN für die Trend- und Tittenfront.

 

   Aber der Trend soll nur die Einstiegsdroge sein. Es geht ihnen nicht nur um unsere Gelfrisuren und Schlaghosen, nicht bloß um unsere Posterwände und Plattensammlung. Man will höher hinaus: RTL2 will den ganzen Zuschauer, mit Augen, Fingern, Hirn, Haut und Haaren und Portemonnaie. Sein ganzes Leben. Wir bieten ihnen den kompletten Lebensentwurf. Und nebenbei wird noch gleich die Klärung der philosophischen Existenzfrage angeboten: „Expedition Robinson – Damit Du spürst, dass Du lebst!“. Genau: zur ständigen Versicherung, dass ich – zumindest als fernsehendes Wesen – (noch) existiere, muss ich einfach den Kanal mit dem interessanten Nachtprogramm anschalten. Televideo ergo sum.

   Und wie ein gutes Leben per RTL2-definitionem auszusehen hat, das vermittelt man am besten im eigens dazu von der Vordenkern des Kölner Senders ersonnenen Format der Daily Doku Soap. „Heisse Tage, Wilde Nächte – Sexy Urlaub 2000“ ist die neueste Erfindung. Ingo NormalKFZMechaniker setzt man taugliche Identifikationsfiguren vor die Nase, die mit aufgetunten Motorbooten und oberweitengesegneten Bikiniblondchen über die türkisschimmernden Gewässer dieser Welt düsen. So hat dein nächster Urlaub auszusehen! Da könnte sich die katholische Kirche eine dicke Scheibe abschneiden: so vermittelt man Lebensziele.

   RTL2 übernimmt von der fürsorglichen Eltern- und Vorbildfunktion bis hin zum pickeligen Jungen aus der 8. Klasse, der an der Schulmauer Aufklärungsunterricht betreibt alle Rollenmodelle, die ein Leben bis zum Stand des voll Geschäftsfähigen parat hält. In der DDR wurde in der Kinderkrippe kollektiv geschissen, bei Scientology wird kollektiv hirngewaschen, in der rüschenrosanen RTL2-Welt wird kollektiv dem BigBrother bei der Arbeit zugesehen. Dabei hat er uns selbst schon im Visier. Und der Bundesverfassungsschutz hat keine Ahnung.

 

   Wie nun aber funktioniert der Sinnstiftungsprozess per Bildröhre? Wie wagt man sich an unsere Persönlichkeitsstruktur heran? Wie muss medialer Totalitarismus aussehen?

   Hierzu wurde in den geheimen Kellerlabors und Forschungsbunkern des Kölner Medienparks eine ausgeklügelte VerWERTungsmaschine ersonnen, die eine Bereicherung  für jedes Marketinghandbuch wäre.


   Zunächst picke man wahllos ein paar Warhol’sche Gestalten mit Geltungsdrang. Im Grunde ist es ganz schnurz wohin man zur Kandidatenlese geht, denn im Fernsehen aufzutreten hat einen mystischen Reiz, der einer weihrauchschwangeren Kellergruft mit Esoterikzirkel gleichkommt und spricht daher die meisten relevanten  Gesellschaftsschichten an. Aus Zwecken der Selbstglorifizierung hat man den selben Erfolg, den man also auch mit einem billigen Abzählreim erzielen könnte als eine Folge der hohen Kunst des Castings portraitiert. Nun nehme man ein altbackenes Fernsehformat, das in den Tiefen des Archiv auf ewig zu schlummern schien, oder bestelle bei Endemol Schnellgeschustertes, haue Layout in Windelpackungsfarben darüber und preise die geplante Sendung schon Monate im Voraus mit kleinen Eye-Catchern in stadtweiten Plakataktionen an. Inhalte sind egal, die werden improvisiert. Drehbuchkosten spart man sich so auch. All das sollte möglichst ein tägliches Format sein, denn so stellt sich der erhoffte Erfolg früher ein: unsere Kandidaten, Jungmoderatoren und Gelegenheitsschauspieler werden so lange gezeigt, bis der Brechreiz abgestumpft ist und sie sich den Begriff „Star“ durch ihre bloße und penetrante Bildschirmpräsenz ersessen haben.

 

   Aber wir sind ja kritische Fernsehkonsumenten und deswegen wollen wir richtig aufwendig verarscht sein. Also stellt man einfach in den sendereigenen Nachrichten einen Großteil auf „VIP-News“ ab und berichtet darin über die kleinen unzulänglichen Alltagsidiotien der frischgebackenen Stars. In einer neu aufgelegten Zeitschrift rund um die Sendung und die Stars befriedigen wir den Wunsch unserer Zuschauer nach Klebebildchen, Pin-Ups, 3-Wochen-Tattoos und „Star-Reportagen“. Außerdem sollten wir die alte Regel des „Sex-Gossip sells“ nicht vergessen und uns in wildesten Spekulationen über wermitwemwannundwo,achecht? ergehen. Und da man bei RTL2 ja wie gesagt ambitioniert ist, wird gleich auch noch die Yellow-Press-Kanone durchgeladen, um das Fernsehvolk mit Gewinnspielen und fetten Überschriften zur Sendung zu bombardieren. Multi-Channel-Marketing at its best.

   Somit ist die Verwertungsrakete „ready for take-off“. Almabtrieb; die Kühe wollen gemolken werden. Wir nehmen nun unsere Gruppe immer noch vom Starruhm recht benommener hilfreicherer Idioten und zerren sie ins Musikstudio. Musikalität hin oder her wir dort ein wenig unbeholfene Stimmbandakrobatik betrieben, das ganze nachgemixt und mit einigängigen Beats versamplet. Die fertigen Retortensongs bringen wir hartnäckig auf co-produzierten Compilations unter, bewerben diese nachdrücklich in sendereigenen Werbeblöcken und dann heißt es nur noch  lean back and enjoy the show!  Die GEMA-Einnahmen rollen an, bei MediaControl steigen wir gleich ganz oben ein. In den Büros von RTL2 sitzen sie, die wahren Alchimisten der Neuzeit – sie vermögen aus Scheisse Gold zu machen.

 

   Aber gemach, gemach. Es ist hier keine Weltverschwörung im Gange. Das für uns als nun von RTL2 abgelöste Avantgarde scheinbar so sinstre Ansinnen ist tatsächlich Sozialrevolution für’s 21. Jahrhundert. Das wahre Ende der Geschichte zieht herauf, Fukuyama behält Recht. Endlich ist der altliberale Traum von der absoluten Chancengleichheit Wirklichkeit geworden: jeder darf sich gleichermaßen zum Deppen machen, ohne Ansehen der Person, frei von jeglichen sozialen Schranken.

    Ja, vielleicht werden dereinst die Programmgestalter des Senders sogar mit allem Fug und Recht als wahre Fackelträger der aufklärerischen Idee bezeichnet: Der Ausgang aus meiner selbstverschuldeten Unmündigkeit findet dadurch statt, dass ich eben diese landesweit ausgestrahlt zur Schau stelle und wir gemeinsam darüber genüsslich lachen. Ich bin doof – na und?!

Ignorance is bliss!

 

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